Sonntag, 3. November 2013

Weihnachten 3.0


Frohe Weihnachten? Wie man es nimmt...
Eine besinnliche Zeit, gespickt mit Brauchtum, Tradition in Verbindung mit Gesang, Kirchengängen, Krippenspielen, aber vor allem ist es ein Fest der Liebe. So stellt man es gerne dar, aber wird es der Realität gerecht? Ich fürchte nicht. Irrsinniges Konsumverhalten, Übergewicht, erhöhte Selbstmordquoten und das Geschäft mit der Betroffenheit derer, die gerade zur Weihnachtszeit dazu neigen, sich dafür zu schämen, dass es ihnen gut geht, gehören genauso dazu, wie die zahlreichen imaginären Beteiligten, als da wären der Weihnachtsmann, das Christkindchen, Knecht Ruprecht und der Nikolaus. Wobei der Weihnachtsmann eigentlich eine synkretistische Gestalt aus Nikolaus und Ruprecht mit einer Prise einer Percht darstellt. Fragt mich nicht, was eine Percht ist. Die Viecher kommen aus Bayern, ich führe es auf den erhöhten hiesigen Bierkonsum zurück. Faktisch sind die Weihnachtgans und  der Weihnachtskarpfen die einzigen Figuren aus Fleisch und Blut an diesem Fest. Synkretismus? Schlagt es mal nach. Es erinnert stark an eine vereinfachte Definition für das Christentum. Aber das ist ein anderes Thema. Fest steht, dass sich zwei Dinge herauskristallisiert haben, durch die das Weihnachtsfest zum Highlight für unsere Kinder geworden ist: Es sind der Weihnachtsbaum in all seiner geschmückten Pracht und natürlich die Geschenke. Fairerweise müsste man zu den Kindern heutzutage auch noch Saturn und Media Markt hinzuzählen. Aber so ein schöner Baum, das ist zweifelsohne etwas Herrliches. Oder? Fast vermute ich, jeder zweite Baum markiert eine Familientragödie.

Mag sein, dass es sie gibt: Die Familien, die unbeschwert und selig das Weihnachtsfest im Kreise ihrer Lieben verbringen, ohne Frust und Sorgen... Aber es kann nicht jeder Beamter sein. Oder Arzt. Oder Schauspieler. Ich meine erfolgreicher Schauspieler. Oder Anwalt. Argh! Ich glaube die feiern nur die Geburt des Antichristen. Aber egal.

Die Realität sieht so aus:
Szenario A
Die Konten sind im gleichen Maße überzogen, wie die beiden Kinder verwöhnt sind. Rebecca und Kevin (übrigens beides keine Namen, sondern Diagnosen) wünschen sich ein IPhone 5s mit Kopfhörern von BEATS, einen Flachbildfernseher und die neue Play Station 4. Opa teilt dir auf seine charmante Art mit, dass er dich für einen absoluten Versager hält: Er macht dir das Angebot, die Play Station 4 und ein IPhone zu übernehmen. Natürlich bist Du froh darüber, denn du weißt selbst am besten, dass du ein Versager bist. Aber deine Frau ergreift die Chance, diesen Stellvertreterkrieg selbst auszufechten. Spontan erklärt sie der holden Schwiegermama, dass du die Almosen ihres Schwiegervaters nicht nötig hast. Das Samsung Galaxy S3 kommt bei den Kindern genauso wenig an, wie Nintendo Wii U mit Mario Party 9. In der Küche streiten sich Oma und Mutti, Dein Vater ist schon längst besoffen und gibt dir Tiernamen, und das Einzige, was Dich noch retten könnte, wäre, dass der scheiss Baum Feuer finge und die Flammen alles verschlängen.

Szenario B
Die Konten sind natürlich immer noch überzogen. Am dritten Advent haben sich deine Frau und deine Geliebte zum ersten Mal getroffen. Du bist wirklich ein Versager. Aber du hast zum Glück nur ein Kind. Obwohl dein Martin Junior ein feiner Kerl ist, bekommt er am Heiligen Abend vormittags 
 nur Lack. Die Stimmung ist gereizt. Deine Mutter muss ja unbedingt kommen. Für deine Frau steht die Scheidung eigentlich schon fest, aber Frauen neigen nun mal nicht dazu, etwas zu überstürzen, zumal der Frisörtermin erst in zwei Wochen ist. So, wie ihre Haare aussehen, kann sie nicht zum Anwalt. Du stimmst ihr zu. Nachmittags kommt Deine Mutter, und nun kriegst du Lack. Irgendwann weißt du selbst nicht mehr, welche von den beiden Frauen in der Küche du damals geheiratet hast. Eigentlich auch egal. Abends kommt die Bescherung für das Kind. Martin  Junior ist zwar schon sechzehn, aber die Bibi Bloxberg CD Kollektion von Oma ist ja nur ein Bruchteil der Kofferraumladung an Geschenken, die noch folgen. Das Kind wird auch von Mutti mit Wohltaten überschüttet. Socken, Bücher und 500 Teile Puzzle gehören genauso dazu wie ein IPod, PUMA-Treter und eine schwarze Lederjacke. Herrlich, wie ein ehelicher Konflikt sich im Bruttosozialprodukt niederschlagen kann. Auch Vati lässt sich nicht lumpen. Du gehst mit Martin Junior in die Garage. Dort steht sein neuer Motorroller, klassisch präsentiert: Scheinwerfer an, Blinker an. Sitzbank geschmückt mit weihnachtskugeln und Tannenzweig. Martin Junior sieht dich an, Tränen in den Augen. Innerlich denkst du: YES. STRIKE. Dann fragt dich das Kind: "Papa. Habe ich Krebs?"
 Szenario C
Die Konten sind prall gefüllt. Du hast ein großes Beerdigungsunternehmen. Faktisch kannst Du jeden Blumenstrauß vier Mal verkaufen. Das tust du auch. Dir und deiner Familie geht es gut. Randlage Köln. Karnevalsverein. Golfclub. Schwarze Visa. E-Klasse. Toll. du hast sogar drei Kinder, und das macht Weihnachten doch so schön. Die lieben Kinder. Damien, zwölf Jahre, Destemona, gerade zehn geworden, und Victor, dein kleiner Liebling, ganze drei Jahre alt. Deine Eltern kommen über Weihnachten, und du selbst hast dir einen neuen Satz Golfschläger gegönnt. Könnte es schöner sein?  Ich fürchte ja. 

Als du mittags nach Hause kommst, ist weder der Tisch gedeckt, noch steht dein üblicher Shincha bereit. Die beiden Großen haben sich in ihrem Zimmer eingeschlossen, und während der kleine Victor heulend an die Tür klopft, prügeln sich Damien und Destemona mit dem gleichen Eifer um ein Weihnachtsgeschenk, dass sie zufällig gefunden haben. Deine liebe Frau liegt indes mit einer schweren Grippe im Bett. Verzweifelt reagierst du wie jeder normale Mann: Du rufst deine Mutter an, die selbstverständlich verspricht, sich sofort auf den Weg zu machen. Bis die Kavallerie eintrifft, machst du eine Bestandsaufnahme der Katastrophe. Mit Destemonas blutiger Lippe und Damiens verstauchter Hand kannst du leben. Viktor wird mit dem ausspionierten Geschenk, in seinem Zimmer eingesperrt. Vielleicht ist der Rasierapparat, der eigentlich für dich sein sollte, nicht das ideale Spielzeug, aber du hast andere Sorgen. In der Küche stellst du fest, dass deine liebe Frau Rouladen vorgekocht hat. Alles ist vorbereitet. Gut. Das Telefon läutet gleichzeitig mit der Türglocke. Mit dem Hörer in der Hand öffnest Du deinen Eltern die Tür, und weil ein fürchterlicher Schrei aus Viktors Zimmer gellt, bekommst Du nur am Rande mit, dass deine Schwiegereltern sich gerade selbst eingeladen haben. Viktor hat nun keinen Pony mehr, aber die Blutung lässt sich relativ leicht stoppen. Mutti schläft, Oma kümmert sich um das Essen, Opa deckt den Tisch. Alles entspannt sich. Oder auch nicht? Der Geruch der verbrannten Rouladen steht noch im ganzen Haus, als deine Schwiegereltern den Rettungswagen für deine Frau rufen. Frohes Fest.

Szenario D
Ein altes Fachwerkhaus, bewohnt von einem alten Ehepaar im Erdgeschoss, die ihre Kinder zuletzt vor zehn Jahren gesehen haben. Schmale Rente, Wohngeld, das Übliche im Rahmen einer vom Staat geförderten Altersarmut. Im ersten Stock wohnt eine depressive Alleinerziehende mit ihrem 7-jährigen Leon. Unterhalt hat sie vom Vater des Sprösslings noch nie gesehen, die Putzstelle wirft auch nicht viel ab. Das obere Stockwerk wird beherrscht von einer türkischen Familie mit zwei Kindern. Vater Dogan ist arbeitslos, Mutter Dogan jobbt in einem Lidl-Markt, die Kinder gehen zur Schule. Am Heiligen Abend sitzt das alte Ehepaar vor dem Fernseher und sieht sich im Fernsehen den Dieb von Bagdad an, als es an der Tür klopft. Opa öffnet die Tür. Der Vater der türkischen Familie bittet beide, später zum Essen nach oben zu kommen. Ebenso wird der kleine Leon mit seiner Mama eingeladen, und jeder bringt eine Kleinigkeit mit. Kuchen, Nudelsalat und Ragout Fin mischen sich mit türkischen Spezialitäten. Die Dogans haben sogar für jeden ein kleines Geschenk. Es kommt alles von Herzen und jeder ist an diesem Abend glücklich in der engen Altbauwohnung. Geht doch.















Kommentare:

Tom Fuhrmann hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Tom Fuhrmann hat gesagt…

Ab 20.11.2013 im Handel:
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