Sonntag, 27. Dezember 2020

Schimpf vor 12 - Corona Edition 2020

 

Ein Satz, der mich dieses Jahr sehr beschäftigt hat, während ich die Riege der deutschen Clowns zunehmend mehr zum Kotzen fand.

Satire darf alles

Selbst wenn das so pauschal zuträfe, läge der Stein des Anstoßes bei dem Begriff „Satire“. Wer definiert das und wie? 


Manch Verwirrter vermag schon nicht zwischen Rassismus und Meinung zu unterscheiden. Werden wir demzufolge beim Lachen überfordert oder überreglementiert?

Satire ist eine Kunstform, mit der Personen, Ereignisse oder politisch-gesellschaftliche, allgemein menschliche Missstände und Unzulänglichkeiten kritisiert werden.

Mit der Beschreibung könnte man auch den Pöbel montagabends vor der Dresdner Frauenkirche zu Künstlern deklarieren.

Musst du immer alle beleidigen? Ja, muss ich!



WIKIPEDIA sagt: Satire ist eine Kunstform, mit der Personen, Ereignisse oder Zustände kritisiert, verspottet oder angeprangert werden. Typische Stilmittel der Satire sind die Übertreibung als Überhöhung oder die Untertreibung als bewusste Bagatellisierung bis ins Lächerliche oder Absurde. Üblicherweise ist Satire eine Kritik von unten (Bürgerempfinden) gegen oben (Repräsentanz der Macht) vorzugsweise in den Feldern Politik, Gesellschaft, Wirtschaft oder Kultur.“

Letzteres ist wohl der Grund, dass in Formaten wie „Heute Show“ populistische Elemente für die Quoten sorgen.

Es ist auch egal, was die Satire darf. Für mich ist viel entscheidender, was die Kunst darf. 

Und die darf alles.

Aber alles muss mir nicht gefallen. Weder Welke, noch Charlie Hebdo und seine Mohammed-Karikaturen.

Für Welke habe ich mir noch nicht genug Hirnzellen weggesoffen und letztere würde ich niemals verbieten wollen (auch nicht darauf schießen) 

Aber trotzdem frage ich mich, ob DAS unsere „westliche Moral“ sein soll: In den Schmutz treten, woran Millionen friedliche Menschen glauben und damit pauschal Leid zufügen, unter dem Deckmantel, es damit einer radikalen Minderheit heimzuzahlen. 

Erinnert fast an die Israel-Politik. Mag ich nicht. Titanic ist aus den gleichen Gründen auch nur noch scheiße. Serdar auch. 

Olli Schulz mag ich einfach so nicht. Ätsch. Meinungsfreiheit.

Mal im Ernst: Wer eine Sendung mit Mario Barth, Chris Tall und Pocher schaut, wo sich ein Andreas Gabalier für Führer, Volk und Quoten um Kopf und Kragen singt, müssen wir dann überhaupt noch über Kunst reden?

Wenn die Dummen alles dürfen, darf Satire das erst recht.

Im Prinzip kann man jederzeit sehr viele gute Kabarettisten und Comedians erleben. Live auf ihren Tourneen, wenn sie irgendwann wieder stattfinden. Sicher sind ein paar Idioten darunter, aber das mag hier Nuhr die Ausnahme sein.

Ein Lichtblick ist das ZDF-Magazin Royal mit Böhmermann. Hier gesellen sich saubere Recherche und ein Gespür für den Zeitgeist an die Stelle, wo die Verstümmelung von Kunst durch Redakteure, Nuhr erpicht auf Quoten, üblicherweise stattfindet. (Ja, auch bei den ÖR, obwohl die das gar nicht nötig hätten, weil gebührenfinanziert.)

Hier ein treffender Artikel zu Böhmi: Herr der Dinge

Ein feiner Kerl, der blasse dünne Junge. Dass er statt „Scheiße“ oder „Kacke“ stets „Charlotte“ sagt, macht ihn menschlich. Könnte mit seiner ehemaligen Show „Roche & Böhmermann“ zu tun haben.

Was ist überhaupt los gewesen mit den „Promis“ dieses Jahr?



Promis und Verschwörer


Abgesehen davon, dass Xavier und der Reiskanzler Hildmann bei mir persönlich seit Jahren schon auf der Beliebtheitsskala zwischen dem gemeinen Robbenknüppler und Akif Pirinçci rangieren, haben wir durchaus bei den üblichen Verdächtigen erhebliche Steigerungen des individuellen Irrsinns verzeichnen können, und es gesellten sich mit Wendler, Til Schweiger und Christian Anders ein paar amüsante Neuzugänge hinzu.

Wenn es nicht so traurig wäre, hätte man Tränen lachen können.

Aber leider folgen den Dummen stets noch Dümmere und darin besteht ein Gefahrenpotential. Wenn aus Worten Taten werden, freut sich nur die AfD.

Das konnte man zuletzt sehr gut bei den Demos der „Querdenker“ verfolgen.

Nazis Querdenker Hippies




Danke, Jan Böhmermann, für den aufschlussreichen Beitrag über Ballweg und sein Geschäftsmodell. Unfassbar, wie sich diese Melange aus geistiger Umnachtung und Schlechtmenschentum von diesem Rattenfänger verarschen lässt.

Die Mischung aus Menschen der unterschiedlichsten Couleur, die auf den Superspreader-Events unfriedlich miteinander demonstrieren, ist auf ihre Art sehr beeindruckend. Abgesehen vom Paradoxon, dass sie unseren Staat als Diktatur bezeichnen, was bedeuten würde, dass sie gar nicht demonstrieren dürften.

Stramme Nazis und Reichsbürger, flankiert von gewaltbereiten Hooligans, lobotomierte Heilpraktiker und hirnverquarzte Hippies mit Vertretern des Unbildungsbürgertums und Trinkhallenakademikern aus der PEGIDA-Szene vereint vor dem Brandenburger Tor. Ein Tiefschlag in die Eier der Solidargemeinschaft unseres Staates und gleichzeitig ein Symbol für die Chlamydien am Sack der demokratischen Grundordnung.

Aber ich will hier niemanden beleidigen. Doch, will ich.



Im Hinblick auf das aus dem Umgang der Politiker mit diesen gesellschaftlichen Auswüchsen resultierende Staatsversagen bleibt es ein exemplarisches Phänomen des Jahres mit der Quersumme Vier. 

Ihr habt zur Genüge mitbekommen, wie der Staat einknickt, wenn Querdenker mit Chaos drohen.

Die hitzigen Gemüter, die sich gegen die Diktatur in der BRD empören, halten ihre Kinder in den lauwarmen Regen aus den Wasserwerfern der Polizei, während sich jeder vernünftige Mensch fragt, warum diese Demo überhaupt genehmigt wurde. Ein paar Kilometer weiter in Leipzig wurde im November eine Querdenkerdemo aufgelöst.

Es ist begrüßenswert, wenn der Staat offensichtlich dazulernt. Dort kamen sogar die Wasserwerfer in gewohnt rücksichtsloser Art zum Einsatz. Allerdings nur bei einem kleinen Haufen linker Gegendemonstranten.

Aber es gab auch Positives

Abgesehen von manchem Ergebnis der von Idioten verpönten PCR Tests.

Rock gegen Rock

ACDC hat ein neues Album auf den Markt geworfen. Damit liefern sie den Soundtrack für die Demonstrationen gegen ein Sonntagsfahrverbot für Motorräder im kommenden Frühjahr und das in gewohnter Qualität. 

Da lässt der einsame Dieselpilot gerne auch mal im November das Fenster runter, wenn aus den miesen Speakern im Mercedes Actros der neue Sänger von ACDC, Brian Johnson, dröhnt und sein Bestes, äh… besser sein Letztes gibt. 



Bei der Back in Black hatten die Band mehr Glück mit der Trauerarbeit. Vielleicht sollte man einfach irgendwann aufhören.

Mit Eric Clapton und Van Morrison gesellten sich kürzlich zwei weitere Promis zu den Corona-Schwurblern. Manche bezeichnen die Hirnwichse als Protestsong.

Falls ihr mal über alte Männer lachen wollt: 

wenn die Vernunft zusammenclapt

Für mich nicht nachvollziehbar. Da habe ich für die Morddrohungen von Phil Rudd mehr Verständnis.

Ich gestehe, dass ich nie ein Album von den beiden Künstlern besaß. 

Ich kenne im Prinzip auch nur die Stücke aus der Werbung.

Da ist es fast OK, wenn es still bleibt

Es bleibt leise in der Veranstaltungswirtschaft

Still und dunkel und statisch.

Soforthilfe ist das neue Fick dich für Soloselbständige. Sascha Lobo hat es sehr amüsant ausformuliert.

Wahre Worte vom Kommerzpunk

Aus diesen Gründen habe ich meine Selbständigkeit schon vor fast 10 Jahren mit einem lachenden und zwei weinenden Augen aufgegeben.



Heute hätte ich als Selbständiger entweder einen Amoklauf oder eine Karriere in einem völlig anderen Beruf gestartet. Vielleicht beides. Profikiller. Scholz wäre dann als Einstand umsonst. 

Was hat sich die SPD nur bei dem Clown gedacht? Unter der Schuhsole kommt der Keller?

Respekt an die ALARMSTUFE ROT, ihr habt alles gegeben. 



Eine vorbildliche Demo abgeliefert und mit einer eisernen Disziplin gebetsmühlenartig den Dialog gesucht, Perspektiven, Konzepte und WASWEISSICH entwickelt, um dann bei dieser blasierten Blase von Bundes- und Landesministern lediglich hart aufzulaufen.

Langsam muss man da Absicht unterstellen, nachdem die Grünen  fertige Konzepte mehrfach vorgelegt haben, die man dann in gewohnter Weise ignoriert hat.

Homeoffice

Für uns „Unfreie“ bedeutet die Krise Homeoffice. 




Die Unternehmen bekommen Geld geschenkt, damit keiner entlassen wird. Vorteil: Ich habe weniger Sorgen. Nachteil: Misswirtschaft und schlechtes Management werden pauschal subventioniert.

Es wäre für alle Beteiligten besser gewesen, diese Gelegenheit für Strukturwandel und neue Strategien zu nutzen, wenn man eh schon Geld ausgeben muss, anstatt den Krebs mit Nivea zu pflegen.

Veränderung ist mit der GROKO nicht zu machen. Wenn ein dämliches Weihnachtsfest schon sämtliche Prioritäten in einer Pandemie unterwandern kann. 

Für mich führen Kunst und Kultur zu Besinnlichkeit. Nicht Gottesdienste, bei denen das Volk einmal im Jahr Betroffenheit und Empathie heucheln darf.

Da hätten Streamings gereicht. Wichsen geht ja auch online.


Klima der Katastrophen


Dass sich Teile unserer Regierung als pragmatisch bezeichnen, das ist ein ganz schlechter Scherz.

Der CORONA ORIGINAL SOUNDTRACK ist eine Freejazz-Nummer, die außer der schlichten ON/OFF -Funktion keine Struktur zwischen den Improvisationsparts aufweisen kann.

Das ist nicht pragmatisch sondern nur praktisch. Weil einfach. Und dem Wahlkampf genehm.

Pragmatisch hat die Veranstaltungswirtschaft gehandelt.

Dort wurden Hygienekonzepte entwickelt, die besser waren, als das Geforderte. Clubs haben umgebaut. Lüftungsanlagen und 20000 Meilen Plexiglas wurden gekauft. Es wurde geschult, umgeschult, um konzeptioniert. Anforderungen wurden in kürzester Zeit umgesetzt, Kundenwünsche über Nacht realisiert.

Und wofür?

Damit es weitergeht! Das ist Pragmatismus.

Was hat die GroKo geleistet?

Frag mal die Menschen im Gesundheitswesen. Frag mal die Kulturschaffenden, ob Hygienekonzepte getestet wurden? Frag mal die Forscher und Virologen, ob das Virus selbst erforscht wurde? Ob es Erkenntnisse gibt, wie sich die Infektionsketten zusammensetzen? Wo die Hotspots entstehen?

OFF

Die Kirche unterstützt den Wahlkampf der Union.

Gottesdienst ON 

Frag mal die Lehrer*innen

OFF

Digitalisierung seit Jahrzehnten verpennt.

ON

Wie ist das denn genau mit den Infektionen in Schulen? Helfen Lüftungssysteme? Oder größere Räume? Turnhallen werden ja eh nicht benötigt.

FENSTER AUF UND JACKE AN UND MSN BLEIBEN AUF

OFF

Nee, ON

Oh Mann, ist das ein Scheißdreck!

Eigentlich wissen wir NICHTS.

Danke an alle Systemrelevanten, die durchhalten und verhindern, dass der Mob die Paläste stürmt.

Danke für den Impfstoff. Der durfte echt nicht später kommen. Das nächste Virus kommt dafür bestimmt.


Was war eigentlich mit der Klimapolitik?




Für die Umwelt war die Pandemie super. Sollte man meinen. Wenn man sich das aber genauer anschaut, verhält es sich auf Deutschland bezogen anders. Mit einer Mischung aus Blockade und Boykott verhindert die Regierung effektiven Klimaschutz und es steht fest, dass auch auf diesem Gebiet mit diesen Staatsführern kein Staat zu machen ist.

Um mal eine Vorstellung zu bekommen, was wirklich nötig wäre und was Corona Einschränkungen wirklich gebracht haben, guckst du hier:

Wir sind am Arsch

Peinlich. Diejenigen, die das als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit bezeichnen, was Klimaaktivisten und Wissenschaftler fordern, werden sich noch wundern, was als Konsequenz an echten Verboten folgen wird. Und da ist es scheißegal, wer gerade zufällig regiert.

Hat sich Mad Max eigentlich Sorgen um die Wirtschaft gemacht?

Man sieht es ja bei sich selbst, wohin uns der Kapitalismus führt.

Eine Gesellschaftsform, die nur ausbeutet, entnimmt, entreißt und verbraucht, ohne etwas Neues zu erschaffen, zu erhalten oder zu pflegen, dazu auf Wachstum ausgerichtet und nicht auf Ausgleich, hat eine begrenzte Zukunft.

Die Frage ist nur, ob wir uns dafür opfern wollen.

Noch peinlicher ist nur die Europäische Union als  Wertegemeinschaft.

Wisst ihr, was da gerade in Moria 2 abgeht? Weiß echt nicht, wie ich das meiner kleinen Tochter erklären soll. 

Was soll ich von einem Innenminister halten, der eine Erektion bekommt, wenn er an das Fortsetzen der Abschiebungen nach Syrien denkt?

Aber lasst euch nicht runterziehen.

Danke, dass ich hier rumkacken durfte.

Zum Schluss noch was Lustiges. 

Hab ich für einen Online-Gottesdienst komponiert:   https://g.co/arts/zs7uCvgdiQHq22NZ7

Und eine Buchempfehlung.

Lesen: Manchmal wünsche ich mir die RAF zurück

Guten Rutsch und bleibt gesund.

 

 

Samstag, 21. März 2020

Bleibt gesund

Bleibt gesund. Gefällt mir besser als jedes geheuchelte "Schönen Tag noch..."

Heutzutage meint man das Ernst. Zumindest nehme ich es so wahr.


Wahrnehmung ist immer subjektiv. 
Fast jeder hat in seinem Leben Dinge verkackt und wurde von jemandem, der indirekt oder unmittelbar davon profitiert, getröstet mit den Worten: „Wir handeln alle nur unter Druck.“ 

So ist es ja letzten Endes auch.

Aber es kommt auch auf die Situation an. 

Geschichte ist Kontext. Heutzutage erscheint der gesellschaftliche Kontext als Summe aus verallgemeinernder Verachtung und blasierter Egozentrik. Aber davon bleibt die eigene Perspektive unberührt.

Tausende Kolleg*innen aus der Eventbranche haben jetzt gerade das gleiche Problem, aber jeder einzelne Mensch erlebt dieses - verzeiht das Wortspiel - „historische Event“ aus dem individuellen beruflichen und sozialen Umfeld.

Der Kontext ist gekleidet in einer unfassbar miesen Arschloch-Pandemie, die der ökonomischen Ouvertüre ganz eigene Vorzeichen verleiht und deinem persönlichen Schicksal die Blue Notes für den Soundtrack deines Lebens.

Wenn es nur eine Wirtschaftskrise wäre, würde es ja nicht alle auf einmal erwischen.

Jetzt gerade bist du ein potentieller Killer, wenn du dich mit Leuten triffst, um dich auszuheulen. Geschweige denn arbeiten. Auf Events. Am besten auf der AIDA. Ghostship.

Es gibt Kolleg*innen, die haben vorbildlich Rücklagen und/oder ein zweites Standbein, zum Beispiel als Tischler beim Bestatter oder als Casebauer.

Andere haben das nicht, weil es die Lebensumstände nicht zulassen oder man eine längere Zeit krank war oder sonst was.

Einer ist selbständig, der andere ist festangestellt. Auch zwei unterschiedliche Perspektiven.

In jedem Fall hinterlässt man keine gute Visitenkarte, wenn man blasiert und unwissend in der Wüste der Social Media über Kolleg*innen herfällt, die

- sich nicht für unsere Branche eine Lobby wünschen, da man ganz klar den Lobbyismus als das Krebsgeschwür unserer Wirtschaft erkannt hat und lieber die Politik in eine Richtung lenken möchte, wo soziale Gerechtigkeit für die Wirtschaft eine Rolle spielt.

- dir sagen, dass du sowieso nicht in einer signifikanten Art und Weise vom Staat entschädigt wirst.

- der Meinung sind, dass der Job eines Eventtechnikers oder Messebauers auch nicht besser ist als der eines Taxifahrers, Reisebürokaufmanns, Gärtners, Gastro-Bobs oder jedes anderen Erwerbstätigen aus „nicht systemrelevanten“ Bereichen. So sieht das übrigens auch die Regierung.

- keinen Bock auf Verbände hat, die ergebnissoffen debattieren und schwebend unwirksame Lösungsansätze propagieren.

Was erwarten wir? 

Erwarten wir nicht von einem Sozialstaat, dass er grundsätzlich sozial handelt?

Auch wenn die Regierungsarbeit der letzten 20 Jahre einen riesigen Haufen Probleme hervorgebracht hat, leben wir in einem der reichsten Länder Europas und es wird sich bestimmt ein Weg finden, die Situation von staatlicher Seite zu kompensieren, während wir gepflegt auf die „schwarze Null“ scheißen. 

Wir sollten uns künftig nicht mehr von „schwarzen Nullen“ regieren lassen. Auch nicht von blauen Nazis.

Die Branche liegt auch ohne Pandemie längst am Boden. Deshalb gibt es kaum Headroom, weder für Einzelunternehmer noch für große Firmen. Als Angestellter fängt der Staat einen Teil ab, aber als Freelancer sieht es schlecht aus.

Nach dieser Krise wird die Welt eine andere sein?

Weiß ich nicht. Aber fest steht, dass eine Menge Menschen gestorben sein werden und viele Überlebende damit klar kommen müssen und auch mit geänderten Lebensbedingungen.

Wir schränken gerade Freiheiten und Grundrechte ein, die in Jahrzehnten hart erkämpft worden sind und zu Recht als wertvolle Güter unserer Gesellschaft galten.

Können wir garantieren, dass hinterher alles so wird wie vorher? 

Können wir davon ausgehen, dass der Diskurs als solcher, der von vielen mit dem moralischen Deckmantel namens „Wir haben keine Wahl“ sämtliche Fragen und Bedenken mit Shitstorm und Beleidigungen vom Tisch gefegt wird, hinterher noch besteht? 

Und ich meine nicht diese unsäglichen Verschwörungstheorien. Ich rede von grundsätzlichen Fragen zu den Entscheidungen unserer Regierung und denen der Europäischen Nachbarn, wo sich faschistische und totalitäre Staatsführer dank Corona gerade bis auf die Knochen durch ihre Unfähigkeit blamieren.

Guckst du hier:

Es ist zu Recht Kritik an der Regierung angebracht, die viel zu spät angefangen hat, die richtigen Maßnahmen im Hinblick auf die Geschehnisse in China und zuletzt in Italien zu ergreifen.

Stattdessen wird die peinliche Worthülsensammlung unserer Kanzlerin positiv bewertet, statt dass man erkennt, dass hier mal wieder pure Verzweiflung und Schadensbegrenzung die Komponisten der Musik sind.

Das hier spricht mir aus der Seele:

Dieses Pandämonium, das Mutti ihr Kabinett nennt, hat ja heute noch nicht begriffen, wie es geht.

Wenn man sich den Zustand unseres Gesundheitswesens ansieht, bekomme ich Angst. Meine Frau steht an oberster Stelle bei den Risikogruppen. Und eigentlich kratze ich selbst altersbedingt an dieser Grenze. 



Ich wünsche mir folgendes, falls wir das alles überleben:

Solidarität beibehalten. Respekt und Achtsamkeit leben. Ein Menschenleben ist das höchste Gut.

Politisches Engagement entwickeln und unsere Gesellschaft mitgestalten, damit wir die Betonköpfe loswerden, die uns jetzt „regieren“.

Für unsere Branche:

Ich würde mir wünschen, dass Wertschätzung wieder an erster Stelle stünde und nicht der Deckungsbeitrag. Motivierte Menschen leisten so viel bessere Arbeit und im Nu würde es sich bezahlt machen.

Kalkuliert höhere Preise und beziffert endlich den Wert unserer Arbeit in einer Form, die dem Ganzen gerecht wird. Nichts gegen einen Klempner, der im Durchschnitt den dreifachen Stundenlohn einfährt.


Und bitte bleibt gesund!


Montag, 31. Dezember 2018

Schimpf vor 12

Das Jahr geht zu Ende. Für mich steckte 2018 voller positiver Entwicklungen, die getrübt wurden von zahlreichen degoutanten Ereignissen. Nun ist es eine Weile her, dass ich mich hier abreagiert habe, und deshalb werde ich nochmal meckern. Bevor das Jahr rum ist.

Was mich jüngst echt angekotzt hat, war meine Facebook-Sperre. 
1.495 Milliarden nutzen Facebook jeden Tag, 278 Millionen in Europa und daraus ergeben sich Umsätze von ca. 50 Milliarden Dollar im Jahr und die Quote steigt weiter.

Trotzdem bin ich mir sicher, dass man ein Unternehmen in dieser Größenordnung nicht amateurhafter führen kann.
Es sei denn, man findet es geil, dass dauerbesoffene Soziopathen ihr Gestammel ungestraft zum Besten geben können, während Gegenrede zu disziplinarischen Konsequenzen führt.

OK, ich hatte es verdient.



Es ging um einen besorgten Bürger, der es nicht gut fand, dass „Schindlers Liste“ am 27. Januar 2019, dem internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, nochmal in die Kinos kommt.

Http://www.Yeah. Super Idee. Feine Sache Filmfilet

Schlimme Beleidigungen und Gewaltandrohungen, wie oben beschrieben, entsprechen natürlich den Gemeinschaftsstandards.

Was mich echt ankotzt ist allerdings die Unsitte, die krasseste Scheiße im Netz zu teilen, weil man zu blöd oder zu faul ist, um vorher die Quelle zu checken.

Die Betreffenden machen sich zu Komplizen der Arschlöcher, die von der Verbreitung des Mülls profitieren.

Und NIEMALS ergeben sich aus so einem Thread 
sinnvolle Diskussionen. 

Die Grundlage ist stets eine Lüge und man redet aneinander vorbei oder OFF TOPIC.

Nimm dir bitte die Zeit.
Check ab, woher der Beitrag kommt und wer das verbreitet.

Wenn zum Beispiel der betreffende Facebook-User in seinem (meist ungeschützten) Profil (...und diese Idioten wollen unser Land retten, ha, ha...) schon Epoch Times, Anonymousnews.ru, Compact, deutsche Wirtschafts Nachrichten (und deren Ableger), Halle Leaks, Journalistenwatch (Jouwatch), junge Freiheit, Kopp Verlag, Netzfrauen, RT Deutsch, Cicero, Andreas Gabalier, Freiwild, Dieter Hallervorden, Tim K., Nick Hein, Eva Herman, Erika Steinbach oder direkt die AfD geliked hat, der ist höchstwahrscheinlich mit dem Denken an sich überfordert.

Da sollte man etwas tiefer nach der Wahrheit schürfen.

So gehts:  Http://www.So gehts wirklich

Gestern habe ich im Hotel aus Versehen ferngesehen.
Es gibt eine Sendung, die nennt sich „Trucker Babes – 400 PS in Frauenhand“.
Kein Witz.
Ist das wirklich Bestandteil der aktuellen Fernsehunterhaltung?
Weinstein strebt, glaube ich, eine Klage an, weil er sein Frauenbild zurück will. 

Da muss man sich echt nicht wundern, wenn sich im Netz die Wut entlädt.

Die Menschenjagd in Chemnitz ist natürlich eine übertriebene Reaktion. DAS hat sicherlich andere Ursachen.
Während Nazis im Bundestag sitzen und auf den Straßen wieder ungeniert marschieren, werden hierzulande Ministerposten mit Leuten besetzt, die man gedanklich schon im Dschungelcamp abgeworfen hatte.


Gegen Gage können sie neben solchen Pop-Kultur-Ikonen die Alternativen zu den Kanapees auf der Bundestags-Gala testen.

Wow, ernsthaft?

Mehr schaffen wir nicht mit den Paradigmen einer unbestreitbar funktionierenden Demokratie?

Die Probleme sind klar, aber nichts geschieht. Von selbst schon gar nicht.
Bildung, Aufklärung und eine Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit.
Dann wären wir schon einen Schritt weiter.

Das würde nebenbei die Zeit versüßen, bis Osnabrück Hafenstadt geworden ist.
Dann werden wirkliche Probleme auf uns zukommen.
Egal.
Wir geben nicht auf.
Fahren unseren Diesel bis ultimo.

( hier das Pauschal-Totschlag-Argument-für -gegen -Veränderung-des-eigenen-Verhaltens einsetzen)





Mein guter Vorsatz: Ich will versuchen, künftig alles positiver zu bewerten. 

Also: Danke für 2018.

Ich wünsche allen viel Glück und Gesundheit für den Rest eures Lebens. 

Und viel Erfolg für 2019


Sonntag, 8. April 2018

Outtakes-CUE 1


Nicht alles, was ich für "The Sparkles" schreibe, passt gerade in die Episode, aber manche Sachen finde ich zu schade zum wegwerfen. Das wird künftig als "OUTTAKE" erscheinen. So wie dieses Ding:


The Sparkles: Outtakes / CUE 1

Sophia und Kai saßen beim Frühstück im Hotel, die Kellnerin hatte gerade frischen Kaffee gebracht. Sophia pfefferte die Tageszeitung auf den leeren Stuhl neben sich.
„Drecksfaschisten. Mich kotzt das an, was da abgeht mit der Politik.“
„Jep!“, pflichtete Kai auf seine unnachahmlich knappe Art bei. Mehr würde er dazu nicht sagen. Zumindest heute.

Plötzlich landete ein übervoller Teller mit Rührei auf dem Tisch neben Sophia, und ein muskulöser, tätowierter Arm beförderte die Zeitung auf den Platz neben Kai.

„Moin, ihr Mikrofonständerschubser!“, begrüßte Jupp, der Trucker der Sparkles, die Bühnencrew. Sofort fing er an zu erzählen: „Ich mag ja keine DVD-Produktionen, Fernsehkram und sowas, aber bin ich froh, dass ich den Bock noch zwei Tage stehen lassen kann. Hab nur drei Stunden gepennt.“

„Was haste gemacht?“, fragte Sophia.

„Danke, dass du etwas Empathie für einen alten Mann aufbringst. Also: Gestern bin ich runter vors Hotel. Einen Zigarillo rauchen. Da treffe ich Maurice, die Schwuchtel von der Deko-Fraktion. Der mit den langen blonden Haaren. Da dachten wir: Komm, wir gehen ein Bier trinken. Da habe ich direkt Wojtec angerufen, der hatte auch Durst. Maurice hat noch den Bimbo vom Setbau angerufen und dann sind Maurice, der Schwatte,  der Polacke und ich in den Irish Pub. Und jetzt kommt es: Da saßen schon die rothaarige Lesbe mit den dicken Titten aus dem Produktionsbüro und irgend so ein Ossi und -ihr werdet es nicht glauben - unserer osmanischer Teppichhändler Farid, genannt The Merch!“

Farid verkaufte T-Shirts, CD´s und sämtliches andere Merchandize für die Band und gehörte zur Crew.

„Toll“, sagte Sophia.

„Jep“, meinte Kai.

Jupp hob die Hand, um jeglichen weiteren Kommentar zu unterbinden.

„Und dann haben wir uns derart die Kante gegeben! Farid hat später noch zwei so Tanztürken, die die ganze Zeit am Tresen abschimmelten, an unseren Tisch geholt. Verstehste, die hatten mit der Produktion gar nichts am Hut! Mann, war das ein schöner Abend! Und worüber habt ihr gerade gequatscht?“

„Über Rassismus und Homophobie“, sagte Sophia.

„Und Sexismus“, sagte Kai.

„Ah. Und?“, fragte Jupp.

„Ist Scheiße“, sagte Sophia.

„Politik ist immer scheiße. Das könnt ihr mir glauben“, sagte Jupp. „Menschen leben nämlich wunderbar zusammen. Wenn man sie lässt.“

„Zuweilen flitzt das flauschige Kaninchen Fassungslosigkeit so rasant um die Kurve, dass der Windhund Sprache perplex in der Startbox sitzen bleibt“, sagte Kai.

„Hä?“, fragte Jupp.

„Von David Mitchell“, meinte Sophia.

„Fährt der auch LKW?“

Freitag, 26. Januar 2018

The Sparkles

Hier könnt ihr aktuell mein neues Projekt verfolgen.

Eine fiktive Band - "The Sparkles" - und eine ebenso 
fiktive Crew erleben allerlei Anekdoten 
aus der Veranstaltungs-Branche!

https://www.audioplanung.de/blog/

Viel Vergnügen.

(Nicht nur für Branchenkenner...)



Sonntag, 29. Oktober 2017

Die Schlussnummer - Das Buch



UPDATE: Habe den Verlag gecancelt. 
Das Buch gibt es in der überarbeiteten Auflage überall im Handel und auch hier:
Tom Fuhrmann-Die Schlussnummer


                                                                           
  
Es sollte ursprünglich eine Art "Komödie" werden, aber das trifft es nicht im Geringsten.

Es ist sicherlich kein Buch für sanfte Gemüter. Wer Back to Back schon zu hart fand, der sollte die Finger davon lassen. (Definitiv nix für Kids)

Aber es ist mit Herzblut und der Unterstützung einer Menge Leute entstanden. Zu viele, um sie allesamt in der Danksagung zu erwähnen. 

Das folgende Vorwort beschreibt, worum es geht:


 
Und nicht vergessen: Wir Underground-Autoren sind auf eure Empfehlungen angewiesen.
Und auf Eure ehrlichen Rezensionen. 

Vielen Dank, dass ihr euch das bis zum Ende durchgelesen habt.


Euer Tom




Montag, 30. Januar 2017

Der Junge


Die überarbeitete Version einer Kurzgeschichte. So lasse ich sie.

Sahin  von Tom Fuhrmann ©2017

Meine einsame Kindheit verbrachte ich zumindest ohne Schmerzen. Es gab keine anderen Kinder, die mir wehtaten. Es gab niemanden. Ich war stets allein, aber unverwundbar.
Bis ich den Jungen traf.

An irgendeinem schulfreien Tag flanierte ich in der Innenstadt. Ich besuchte als Dreizehnjähriger die siebte Klasse des Gymnasiums in Sprockhövel. Ein Wolkenbruch überraschte mich, und ich flüchtete in die nahegelegene „Zwiebelturmkirche". Das Gotteshaus war menschenleer. So flegelte ich mich auf eine Bank und blickte auf das Kreuz. Weder Ehrfurcht noch Geborgenheit konnte ich empfinden oder mir gar aus meiner Perspektive erklären, sofern man im Alter von Dreizehn derartiges wie eine eigene Perspektive besaß, weshalb Menschen so fixiert auf dieses Religionsding waren und schreckliche Dinge taten im Namen dieser Idee, die für mich keinen Nutzen brachte. Eigentlich bestand ich damals nur aus Unzufriedenheit und Langeweile. Fast wäre ich eingeschlafen. 

Plötzlich rief hinter mir eine Stimme: „Hallo!“ Nie im Leben hatte ich mich so fürchterlich erschrocken. Ich drehte mich um, blickte in das fröhliche Gesicht eines Jungen in meinem Alter. Langes schwarzes Haar, dunkle Hautfarbe und die traurige braune Augen, die gar nicht zu dem Lächeln passten, das mich in Form von perfekten schneeweißen Zähnen anstrahlte. Er hatte hinter mir geschlafen, bis ich seine Ruhe störte. „Hallo.“, wiederholte er den Gruß. Ich bekam gerade erst wieder Luft und hauchte: „Hallo. Wer bist du?“ Er sprang auf, stellte sich auf die Bank: „Mein Name ist Sahin. Wir sind aus dem Iran in die Türkei geflüchtet. Dann sind wir vor den Türken geflüchtet. Wir sind Kurden. Jetzt sind mein Vater und ich hier. Und wer bist du?“ Damals beeindruckten mich seine sprachlichen Fähigkeiten. Er formte die Worte ohne erkennbaren Akzent.
„Mein Name ist Lennart. Ich war noch nie auf der Flucht. Außer vor meinen Alten.“
Sahin grinste und rief fröhlich: „Komm mit. Wir machen schöne Sachen!“

Der Junge sprang ruckartig herunter von der Bank. Er klatschte mit seinen Sandalen auf den Boden des Seitenganges. Der Widerhall in der Kirche knallte vom Gewölbe mit unerträglicher Lautstärke zurück. Ich folgte dem Flüchtling. Wer an meiner Stelle wäre nicht so einer Aufforderung nachgekommen? Knarzend öffneten wir die Eingangstür und ich stellte befriedigt fest, dass es kaum regnete.
„Komm!“, rief Sahin und rannte los. Wieder konnte ich nur mühsam mit ihm Schritt halten. Er war schnell. Flüchtlinge müssen schnell sein, dachte ich. Mir fiel ein, was ich in den Nachrichten gehört hatte. Dass in den letzten neun Monaten von Anfang 2015 bis heute über 800 Kinder auf der Flucht im Mittelmeer jämmerlich ertranken.
„Warum zählen sie Kinder extra?“, hatte ich meinen Vater gefragt. Der hatte nur gelacht und gesagt: „Was geht das uns an?“
Vor der Mauer im Kirchweg blieb er stehen und sagte: „Pass auf!“ „Worauf?“ „Pass auf!“, wiederholte er, als ob er dadurch bei mir einen Erkenntnisprozess auslösen könnte und kletterte im selben Moment flink wie ein Affe auf die etwa zwei Meter hohe Mauer. Wie aus dem Nichts holte er eine Plastiktüte aus dem Geäst des Kastanienbaumes und warf sie mir zu. Darin befand sich ein alter Lederball, der definitiv seine beste Zeit hinter sich hatte. „Ein Ball?“, fragte ich unsicher.
„Komm mit. Spielen!“, sagte Sahin, und eine kurze Zeit später passten wir uns auf einer Waldlichtung am Schultenbusch den alten Fußball zu, schossen auf ein Tor, das wir vorher mit zwei großen Steinen markiert hatten. Ich spielte nach langer Zeit mit einem Gegenstand, der weder einen Anschluss für ein Netzteil, noch Batterien besaß. Das hier war nicht „Fifa 2015“. Aber ich hatte Spaß wie schon lange nicht mehr. 

Dann erstarrte ich in meiner Bewegung. Der Ball, den ich fangen wollte, prallte von mir ab und kullerte unbeachtet in Sahins Richtung. Doch der hatte auch nur Augen für den Grund meiner Starre.

„Hey Muselmann, das ist mein Ball!“ David Gerber stand vor uns. Er war vierundzwanzig Jahre, groß, kahlköpfig und brutal. Sahin starrte ihn an, als ob der Mann gerade mit einem UFO gelandet wäre. David Gerber hatte keinen Schulabschluss, vertrat dafür eine deutsche Gesinnung. Flüchtlinge passten sehr gut in sein Feindbild. 

„Ball hergeben, Kanacke! Oder du nix dem Deutschen mächtig?“, fragte David Gerber und grinste fürchterlich. Sahin drehte den Kopf so schnell in meine Richtung, dass seine langen schwarzen Haare flogen. Wir verstanden uns ohne Worte in dieser bedrohlichen Situation. Ich nickte ihm zu. Sahin händigte den alten Lederball sofort an den Skinhead aus. Dabei fixierte er ihn mit den dunklen Augen, unerbittlich und durchbohrend, so dass der große Mann seinen Blick senkte. 
"Es muss heißen: Des Deutschen.", zischte er. Sahin zeigte nicht die Spur von Angst, was ich von mir nicht behaupten konnte. Mir schlotterten die Knie. 

Kaum hatte Gerber den Ball aufgehoben, starrte er Sahin wieder hasserfüllt an. Ohne Vorwarnung verpasste er dem Kurden mit der freien linken Hand einen Schlag vor den Kopf, dass der Flüchtling zur Seite stürzte und auf dem Boden landete. Dann zog der Skin übel grinsend ein Springmesser und stach mit der Klinge mehrmals in den Ball. 

Das Geräusch der entweichenden Luft schien uns zu verhöhnen.

„Nein!“, schrie Sahin, rappelte sich auf und stürmte auf Gerber zu. Der trat ihn brutal in den Bauch, stoppte den Angriff, kaum dass er begonnen hatte. Ich konnte mir das nicht länger mit ansehen, verdrängte meine Angst und schlug dem Riesen mit der Faust gegen sein rechtes Ohr. Gerber stöhnte auf vor Schmerz, drehte sich mit einer Geschwindigkeit um, die ich nie erwartet hätte, packte mich am Arm und hielt mir das Stilett an den Hals. „Ich schlitz dich auf, du Kröte!“, zischte er. Plötzlich brach er zusammen wie ein nasser Sack, ließ mich frei und sein Messer fiel neben ihm auf den Boden. Er lag mit dem Gesicht nach unten auf dem bemoosten Waldboden, und aus einer Wunde am Hinterkopf schien etwas Blut zu sickern.
„Schnell. Komm!“, rief Sahin und warf einen großen Stein weg.

Wir rannten ohne Pause, bis uns der Atem stockte. Erschöpft und nassgeschwitzt erreichten wir den Busbahnhof, wo sich damals meine Grundschule befunden hatte. Hechelnd wie zwei verrückte Hunde setzten wir uns auf eine Mauer und nach einiger Zeit, fragte ich den fremden Jungen: „Sahin, wo hast du so gut Deutsch gelernt?“
„Mein Großvater ist, bevor ich geboren wurde, nach Deutschland gekommen. Zum Arbeiten als Gast.“ „Als Gastarbeiter?“, korrigierte ich. „Als Gastarbeiter. Mein Vater wurde in Essen geboren. Hat studiert. Betriebswirtschaft. Später dann ist er zurück. Ich wurde im Iran geboren. Dort hat mein Vater an der Universität in Teheran Betriebswirtschaft, Deutsch und Englisch unterrichtet. Uns allen hat er das beigebracht.“
„Wow, krass. Mein Vater sagt, dass ihr Wirtschaftsflüchtlinge seid, weil die Türkei fast wie Europa ist.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Wenn du aus Syrien gekommen wärst, wäre das anders, verstehst du?“, versuchte ich ihm zu erklären. Ich zwang mich krampfhaft, mich an die Worte meines Vaters zu erinnern.
„Nein. Warum wäre das anders? Da sind auch Kurden.“, meinte Sahin. „Ja, aber in Ländern wie der Türkei passiert dir ja nichts. Nur dass ihr kein Geld geschenkt bekommt.“
Er sah mich entgeistert an und es klang mitleidig, als er endlich sagte: „Lennart, du weißt gar nichts.“

Wütend stieß ich mich von der Mauer ab und baute mich vor Sahin auf, der mich noch nicht mal eines Blickes würdigte, während er da saß und seine Füße baumeln ließ.
Meinen wütenden Auftritt hatte er ignoriert, und er wirkte fortan abwesend. Nach ein paar Minuten setzte ich mich auch wieder neben ihn auf die Mauer, vergrößerte jedoch den Abstand zwischen uns um einen Meter. Er sollte nicht denken, ich sei wieder versöhnlich. So beobachteten wir, wie die Busse gegenüber mit laut dröhnenden Motoren abfuhren und ankamen, wartende Leute zustiegen, hektische Menschen ausstiegen. Dabei zogen wir es beide vor zu schweigen. Als die Neugierde auf meinen ersten und gleichzeitig so einzigartigen Freund größer wurde als mein jugendlicher Stolz, sagte ich: „Komm, Sahin. Wir gehen rüber zum Kiosk. Ich lade dich auf eine Coke ein.“

Er sah mich mit großen Augen an, schwieg aber . Dennoch folgte er mir wie ein Hund, als wir den Bahnhofskiosk betraten. Ich holte zwei Flaschen Cola aus dem Kühlschrank und nahm eine Tüte Skittles aus dem Regal und zahlte an der Kasse. Als wir hinausgingen, hielt eine Polizeistreife vor dem Kiosk. Augenblicklich erstarrte ich, da mir Gerber wieder einfiel. Wie aus einem dichten Nebel tauchte er als Bedrohung wieder in meinem Bewusstsein auf. Vielleicht war Gerber tot? Oder vielleicht lebte er noch? Ich konnte damals nicht sagen, welches Szenario ich als schlimmer empfand. Die beiden Polizisten stiegen aus, bedachten Sahin zwar mit grimmigen Blicken, aber sie betraten dann den Laden, ohne sich weiter um uns zu scheren. Wir nahmen unseren Proviant und gingen wieder hinüber zu unserer Mauer. Der junge Kurde zog plötzlich ein Messer aus der Tasche. Es war das Stilett von David Gerber, das er vor unserer Flucht eingesteckt haben musste. Damit öffnete er die Flasche, indem er mit dem Griff den Kronkorken weghebelte. Panik vor diesem Tötungsinstrument spornte mich an, in die Offensive zu gehen: „Sag mal, bist du wahnsinnig? Da vorne stehen Polizisten. Pack das Ding weg!“
„Okay. Aber Messer gehört mir", sagte Sahin sanft und steckte das Stilett weg.
„Sahin, wieso hast du gesagt, ich wüsste nichts?“
Es musste raus. Ich spürte, wie meine Ohren heiß wurden, spürte die unterdrückte Wut, da ich seine offensichtliche Arroganz immer noch persönlich nahm. Dann erzählte er mir seine Geschichte.
„Mein Vater war im Widerstand tätig. Er kämpfte im Untergrund gegen das Ahmadinedschad-Regime. Dann irgendwann kamen Männer vom Geheimdienst. Vater war nicht da. Sie machten schlimme Sachen mit meiner Mama, wirklich schlimme Sachen. Dann erschlugen sie Mama und nahmen meine große Schwester mit.“
Mein Zorn war verraucht, und die Stelle in meinem Bauch wurde durchflutet von Grauen. „Und dann?“, fragte ich mit krächzender Stimme. Dabei registrierte ich, dass Sahins Augen sich mit Tränen füllten. Zwei glänzende schwarze Sterne in einem hübschen Gesicht. Damals machte ich mir kein Bild davon, wie schwer es für ihn gewesen sein musste, über diese Dinge zu sprechen.
„Vater nahm meine kleine Schwester und mich mit zu einem Mann aus dem Untergrund. Der gab uns Pässe und sowas. Dann gingen wir zu einem anderen Mann. Der hatte einen geheimen Club, wo die Sex machen…“
Ich wurde sofort rot wie eine Tomate. Damals war ich in Bezug auf Mädchen nahe an der Galanterie, aber meilenweit entfernt von der Leidenschaft. Ich war im gleichen Maße neugierig auf Sex, wie er mir Angst machte, und beim bloßen Erwähnen des Wortes fühlte ich mich ertappt.
Wie ich lange nach den Erlebnissen recherchierte, organisierte die Sado-Maso-Szene im Iran auch die eine oder andere Flucht. Diese Leute waren es gewohnt, im Untergrund zu arbeiten, da ihre Neigungen tabu waren.
„Was ist mit deiner großen Schwester?“, fragte ich ihn.
„Vater sagte, er hätte in Agri von einem Freund aus Teheran erfahren, dass man sie tot aufgefunden hat. Er konnte nicht sprechen fast eine Woche lang, weil er sich vorwirft, dass er sie im Stich gelassen hat, um uns zu retten.“
Niemals hätte ich es gewagt, den nun stillen Jungen darum zu bitten, dass er mir den Rest seiner Geschichte mitteilte, aber er fuhr von selbst fort: „Agri in der Türkei. Die Soldaten kämpften gegen die PKK. Das sind Kurden, die gegen die Türken kämpfen.“
„Sind Kurden denn keine Türken, wenn sie da leben?“, fragte ich. „Bin ich Deutscher, jetzt wo ich hier lebe?“, fragte er zurück. „Wenn du einen deutschen Pass hast finde ich schon, ja.“ „Willst du das Ende hören?“, zischte er. „Ja. Bitte.“ Nachdem er einen großen Schluck aus seiner Flasche getrunken hatte, sagte er: „An der Grenze zur Türkei wurde meine kleine Schwester Sarah von einem Soldaten erschossen. Sie stand nur einen halben Meter neben mir. Sie haben oft einfach geschossen an der Grenze. Und sie haben Sarah getroffen. Jetzt sind Vater und ich alleine.“
Wieder machte er eine Pause, um sich die Tränen abzuwischen.
Ich schämte mich für sein Grauen. „Hör mal. Du musst das nicht erzählen, Sahin.“
„Doch.“, schluchzte er, „Du bist mein einziger Freund. Du sollst alles hören. Wir haben sie hinter der Grenze begraben. Sie war erst fünf Jahre alt. Vater konnte sie tragen. Dann waren wir in Agri, wo uns die Soldaten gehasst haben. Es waren bestimmt hundert iranische Kurden mit uns da. Viele kannten uns. Vater hatte Angst vor dem Geheimdienst. Er wollte weg. Es gab keine Arbeit für uns. Es gab keine Hoffnung. Vater sagte, wir müssen vielleicht zwei Jahre warten, bis man uns anerkennt. Da sind wir abgehauen.“
Sahin stand auf und ging direkt vor mir in die Hocke. Er blickte zu mir und niemals würde ich diesen traurigen Ausdruck vergessen, der zugleich eine derart zornige Attitüde besaß, dass ich Angst bekam.
„Ich kann nicht sagen, wie lange wir unterwegs waren. Wir mussten nach Deutschland, sagte Vater. Er kannte Männer hier von früher. Im Internetcafé hat er mit ihnen gesprochen unterwegs. Manchmal nahmen uns Lastwagen mit, meistens liefen wir, bettelten und manchmal wurden wir verprügelt, weil wir dreckige Kurden sind. Dann waren wir plötzlich in Istanbul. Vater holte dort Geld bei einem Mann ab, den ich nicht kannte. Dann flogen wir nach Düsseldorf.“ Das war zu viel für mein Gemüt. Ich nahm meinen Freund in den Arm und während mich der Schmerz umarmte, flüsterte ich: “Willkommen, Sahin. Willkommen.“

Wir Hielten uns gegenseitig fest und ich spürte, wie Sahin zitterte, schluchzte. Ich bemerkte nicht, dass ein Auto mit quietschenden Reifen auf den Busbahnhof gefahren kam.
Plötzlich rief eine tiefe Stimme: „Schau mal! Schwul sind die beiden auch noch!“ Wir waren umzingelt von David Gerber und zwei seiner Freunde. Alle waren in seinem Alter, groß und sahen brutal aus. Sie trugen schwarze Sachen, hatten Schnürstiefel an und einer hatte ein Hakenkreuz auf den Hals tätowiert. David Gerber hatte einen Verband um seinen Glatzkopf. Sahin schob mich hinter sich. Der kleine Kurde schien mich beschützen zu wollen. Gerber trat vor, er hatte einen Aluminium-Baseballschläger in der Hand.

„Ja, Muselmann. Jetzt kommt die Quittung.“ Er schlug so schnell zu, dass Sahin keine Chance hatte, obwohl er seine Arme blitzschnell hochgerissen. Die Keule traf ihn so hart, dass er umfiel wie ein Mehlsack. Die anderen fingen sofort an, ihn mit Fußtritten zu bearbeiten. Ich sah das parkenden Polizeiauto auf der anderen Seite und schrie aus Leibeskräften: „Hilfe! Polizei! Hilfe!“

Ich winkte und schrie, bis mir jemand so hart vor den Kopf schlug, dass ich gegen die Mauer fiel. Endlich hatten sie von Sahin abgelassen, aber nun stand ich in ihrem Fokus.
Die beiden Kumpane packten mich von jeder Seite an den Armen.
„Hört auf, ihr Schweine. Lasst uns in Ruhe…“, flehte ich. Doch Gerber ging in Ausgangsstellung wie bei einem Baseballspiel und sagte: „So jetzt gibt es auf die Murmel, Kanackenfreund…“
Er holte aus, und wie aus heiterem Himmel ließ er die Keule fallen. Es gab ein metallisches, hohles Geräusch, als sie auf dem Boden aufkam. Dann folgte Gerber seinem Baseballschläger, kippte nach vorne, und ein Messer steckte in seinem Rücken. Sein Messer. Dahinter stand der blutüberströmte Sahin.

Der Rest endete im Lärm des Martinshornes der Polizeistreife. Handschellen klickten. Wir wurden gepackt und abtransportiert. 
Das Alles zog wie im Nebel an mir vorbei. Polizei, Krankenwagen. Der Körper auf dem Bürgersteig. Der Junge.
Bevor sie ihn von mir wegzerrten und ich ihn nie wiedersah, schluchzte er: „Es tut mir leid, dass überall Krieg ist.“